In seiner einzigartigen Weise, künstlerische und theoretische Diskurse zu initiieren, zu transformieren und mit politischer Praxis zu verbinden, braucht Carl Einstein (1885-1940) den Vergleich mit den großen kritischen und kreativen Geistern unseres Jahrhunderts nicht zu scheuen, ja er überragt sie in eben der genannten Personalunion. Er war "weit an der Spitze" (Gottfried Benn). Am Anfang seiner "kometarischen Laufbahn" (Franz Blei) steht Einsteins Roman "Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders" (1906-1912), dessen "Aus-sage" als erster Sprechakt der Postmoderne verstanden werden kann. (Der Text endet vielsagend mit dem Wort "Aus".) Einstein überwindet indes seinen frühen, noch der Dekadenz verpflichteten Fragmentarismus durch die Synthese von primitiver Kunst und Kubismus ("Negerplastik" 1915). Sein politisches Engagement im Brüsseler Soldatenrat (1918) und dann in Berlin auf der Seite von Spartakus ("Der blutige Ernst" zusammen mit George Grosz) zeugt mehr von ethischer Revolte und ästhetischem "acte gratuit" als von marxistischer Parteilichkeit. Freilich findet der obsessiv erlebte "Tod Gottes" ein kompensatorisches Interesse am kolletiven Mythos. Die Ästhetisierung dessen, was die Völkerkunde zuvor ur als difformes Objekt erkannte, hebt Einstein um 1920 wieder durch die Ethnologisierung seines Diskurses auf. Seit Mitte der 20er Jahre verschmilzt er ethnologisches und psychoanalytisches Denken und wendet sich mit solchermaßem geschärftem Blick der europäischen Kunst und Kultur selber zu ("Ethnologie du Blanc").

Schon 1928 nach Paris emigriert, wird er zum führenden Theoretiker der "romantischen Generation", des Surrealismus, insbesondere der Gruppe um Georges Bataille, Michel Leiris u. a. ("Documents"). Seine maßgebliche Kunsttheorie, an Georges Braque exemplifiziert (so auch der Titel der Publikation), kann jedoch nur mit Verspätung und in französischer Übersetzung erscheinen (1934). Weltwirtschaftskrise und nationalsozialistische Machtergreifung ruinieren den freien Schriftsteller, der nach dem großen Erfolg seiner "Kunst des 20. Jahrhunderts" (1931 in 3. Auflage) in Deutschland halb in Vergessenheit gerät. Auch transatlantische Verbindungen im Kontext der Zeitschrift "transition" brechen ab. Einsteins Abrechnung mit der Moderne, die den Faschismus nicht abzuwenden vermochte, "Die Fabrikation der Fiktionen" wird erst posthum publiziert. Zahlreiche literarische und vor allem auch kulturgeschichtliche Texte seines Nachlasses sind noch unveröffentlicht. Um die Freiheit des Individuums und die Freiheit Europas in Spanien zu verteidigen, schließt sich Einstein den Anarchosyndikalisten, der legendären "Kolonne Durruti" an. Nach seiner Rückkehr 1939 wird er in französischen Lagern interniert. Auf der Flucht vor der deutschen Okkupationsarmee wählt er nahe der spanischen Grenze den Freitod. Seine kreative und intellektuelle Radikalität, aber auch seine Mittlerposition zwischen den Künsten, den Nationen und Kulturen ließen die restaurative Expressionismus-Renaissance des Nachkriegs an Einstein vorübergehen. Nicht zuletzt dank der Carl-Einstein-Gesellschaft/Société-Carl-Einstein und ihrem Wirken wurde Carl Einstein von einem zu Unrecht "Halbvergessenen" (Helmut Heißenbüttel) zu einem zu Recht "Erinnerten".

Klaus H. Kiefer